Die Kunst des Wegschauens

Politiker schauen gerne weg, geht es um die Erfüllung der Pflichten, die ihnen lästig sind. Das ist bekannt. Wie geübt sie darin sind, offenbarte sich jetzt einmal mehr in Torrelavega an der nordspanischen Küste. Und wie einfach man es sich macht versäumte – übersehene – Problematik zu lösen, zeigte sich gleich hinterher.

Vierhundert Hunde in einem furchtbaren Zustand, angekettet und „abgestellt“, sind das Ergebnis der Kombination von falsch verstandenem Tierschutz und politischer Gleichgültigkeit. Das vermeintlich tierschützerisch tätige Paar hat sich aus der Verantwortung gestohlen, genau wie die Politiker, die wegschauten und gewähren ließen, solange bis es eben nicht mehr ging.

Angesichts des Desasters sah man spontan nur einen Ausweg. Nämlich die um Hilfe zu bitten, denen man selbst wenig hilfreich gegenübersteht: Private Tierschützer, in diesem Fall die Tierschutzorganisation ASPACÁN, bekannt für ihre hervorragende Arbeit. Sieht man es kritisch, ist dieses politische Gebaren eine bodenlose Frechheit, denn wieder wird nur weggeschaut, das Problem verlagert, von sich gewiesen. Aber – im Sinne der Notlage -  bleibt keine Zeit für politisches Scharmützel, zumindest nicht im Moment. Die Tiere haben lange und furchtbar gelitten, nun muss schnelle Hilfe her.

Warum es immer erst so weit kommen muss, dass Kapitulation die Endversion des Schreckens ist, bleibt dem Außenstehenden meist ein Rätsel. Es hat wohl etwas mit Mitleid zu tun, der armen Kreatur zu helfen und auf der anderen Seite mit gelangweilter Arroganz, den mitleidigen Menschen in dieser Sache nicht zu helfen.

Mitleid allein rechnet sich nicht, da muss mehr her, als Bedauern und Retten. Und politische Ignoranz rechnet sich auch nicht, da muss mehr her als die Abschiebung des Problems auf Andere. Vierhundert arme Hunde, zum großen Teil krank, infiziert und wahrscheinlich auch traumatisiert, gingen jetzt über in die schützenden Hände von ASPACÁN. Welch ungeheurer Kraftaufwand ansteht, die immense Verantwortung zusätzlich auf einen Schlag zu tragen, vermag man sich kaum vorstellen.

Wenn auch Sie nicht wegschauen oder ignorieren wollen, dann lesen Sie weiter. Dieser Brief erreichte uns heute früh. Wir haben genauer hingesehen und was wir sahen, hat uns berührt. Das Vorurteil: „Die Spanier tun nichts für den Tierschutz“ straft ASPACÁN und viele weitere spanische Organisationen Lügen. Sie haben es schwer genug gegen die mangelnde Tierschutz-Gesinnung vieler ihrer Mitmenschen anzukommen und das zudem in einer wirtschaftlich katastrophalen Situation, die ihr Land noch lange nicht in den Griff bekommen wird. Und solange Politiker damit beschäftigt sind, die Prioritäten in ihrer Ausübung darin zu sehen, wie sie möglichst Prestige-bringend am Bürger vorbeiwirtschaften ist klar, dass Tier- und auch Naturschutz in unterer, behördlicher Schublade verbannt bleiben.

 

Guten Tag,
Heute wende ich mich an Sie mit einem sehr, sehr dringenden Hilferuf.
Eine befreundete Tierärztin aus Paris hat während der Sommerferien einem nordspanischen Tierschutzverein geholfen, das vor kurzem ein neues « Tierheim » übernommen hat, welches einem Todeslager ähnelt.

Der Tierschutzverein heißt ASPACAN, der erste Vorsitzende ist Javier Guitierrez.
Dieser Tierschutzverein kümmert sich bereits seit Jahren um das Tierheim in LAREDO. Der Verein finanziert sich fast ausschließlich über Spenden, der spanische Staat hilft übernimmt teilweise die Kosten für Impfungen und Identifizierungen.

Auf dieser Internetseite können Sie die seriöse Arbeit des Vereins ASPACÁN sehen:
http://www.aspacan.org/

Vor kurzem hat die spanische Regierung den Verein ASPACÁN gebeten, ebenfalls das Tierheim von TORRELAVEGA zu übernehmen (etwa 50km entfernt von LAREDO).
Dieses Tierheim gleicht einem Todeslager oder anders gesagt, der Hölle auf Erden.
Circa 400 Hunde sind dort kurz angebunden an ihre Hundehütten, oft stehen sie knöchelhoch im Schlamm (viele Regenfälle im Norden Spaniens).Die Hunde sind alle unterernährt, sie tranken dreckiges Wasser in dem teilweise tote Ratten schwammen.Die Hunde waren weder geimpft noch entwurmt. Es gab keine Adoptionen, die Tiere warteten auf den Tod.

Hier 3 Internet-Links der lokalen Presse in Spanien, die über diesen schrecklichen Ort berichteten als Javier mit seinen freiwilligen Helfern dort ankam:

http://www.eldiariomontanes.es/v/20110216/torrelavega/
destacados/estos-perros-merecen-oportunidad-20110216.html


http://w ww.eldiariomontanes.es/v/20110215/torrelavega/
destacados/ganaderia-aspacan-rescatan-diez-20110215.html


http://www.eldiariomontanes.es/v/20110302/torrelavega/
destacados/duenas-perrera-marchan-aspacan-20110302.html

 

 
Zur Ansicht bitte auf das Video klicken

 


Javier’s erste lebensrettende Maßnahmen sind:

1)    Impfen, entwurmen, sterilisieren
2)    So viel wie möglich Hunde aus diesem Schlammloch herausholen und dies durch     Transfers in andere europäische Tierschutzvereine und durch Direktadoptionen. Die benachbarte Perrera (=Tötungsstelle), die einer privaten Firma gehört, schläfert zur Zeit ALLE Hunde ein, da das Tierheim TORRELAVEGA komplett überfüllt ist und keine Aufnahmemöglichkeiten hat
3)    Aufbau von Parkanlagen, damit man die Hunde abwechselnd von der Kette nehmen kann, Aufbau von Zwingeranlagen, Trockenlegung des Grundstückes

Um es kurz zu fassen: Wer helfen kann, bitte sich bei Javier oder Nathalie oder mir melden. Wer nicht helfen kann, bitte diesen Notruf weitestgehend verbreiten. Es fehlt an allem:

Material: Decken, Futter, Medikamente, Hundehütten,..

Freiwillige Helfer, die mithelfen diesen schrecklichen Ort zu sanieren und ein richtiges Tierheim zu erbauen

Spenden

Tierheime und Tierschutzvereine, die ein oder mehrere dieser unglücklichen Hunde akzeptieren: Javier bringt sie selbst und scheut keine Distanz. Gegen eine geringfügige Kostenbeteiligung kommen die Tiere geimpft, identifiziert und mit Mittelmeertest.

Vielen Dank für alles, was Sie tun können !!!

Kontakt (in spanisch/englisch) : jgfjgutierrez@gmail.com

Kontakt (in französisch/englisch) :Nathalie.GNANOU-BESSE@anses.fr

Kontakt (in deutsch) : diana.draba@gmail.com

 

 

 

Die Liebe zum Stier – oder warum der Rest der Welt den Spanier nicht versteht

stierSpanien boomt: Im August platzt das Land aus allen Nähten. Der Tourist verzeiht Missmanagement, Wirtschafts- und Naturschutzsünden und er ignoriert, dass in diesem Land etwas Eigentümliches vor sich geht: Madrid stemmt sich trotzig gegen alles Kopfschütteln und beantragt bei der UNESCO den Stierkampf als immaterielles Kulturgut erklären zu lassen. Von kulturellen und artistischen Werten ist die Rede.

Dabei ist die überwiegende Mehrheit der Spanier an dem blutigen Gemetzel, welches Lobbyisten als wertvolles Kulturerbe predigen, wenig bis gar nicht interessiert. Die Ränge blieben selbst in namhaften Arenen leer, würde man einen Teil der Tickets nicht verschenken, würde man nicht ahnungslose Touristen in drittklassige Arenen karren, die nicht selten kreideweiß und in Tränen aufgelöst die Veranstaltung vorzeitig verlassen, weil sie im Vorfeld nicht ahnten, was da auf sie zukommt. Würde man nicht den Stierkampf mit Flamenco-Showeinlagen verknüpfen, um ein buntes Unterhaltungsprogramm zu suggerieren.

Doch der  Spanier liebt den Stier. Selbst der, der das fragwürdige Spektakel ablehnt, käme kaum auf die Idee Druck zu erzeugen, ein Verbot zu erreichen. Der Spanier hasst Gängeleien, Druck und Bevormundungen. Das gilt für alle Lebensbereiche. Insbesondere die Deutschen, die sich gerne solcher Praktiken bedienen täten sich leichter, würden sie dies erkennen und akzeptieren.

Und so hilft auch kein ausländisches Gezeter, kein empörter Protest jenseits iberischer Grenzen, keine vehementen Forderungen. Das alles ficht den Spanier nicht an, zumal ohnehin nur geschätzte 3% der Besucher der Corridas Ausländer sind. Viele davon Einmaltäter, weil naiv und uninformiert.

Der Spanier verehrt den 500 Kilogramm schweren toro bravo, dessen Züchtung bis in das 18. Jahrhundert zurückgeht. Er hat höchsten Respekt vor ihn. Warum er das prachtvolle Tier dann chancenlos, weil „präpariert“, niedermetzelt, wird uns ein Geheimnis bleiben. Wir werden nicht verstehen wo die Kunst liegt, mit gezielten Einstichen die Muskelstränge so zu verletzten, dass das Tier nicht mehr in der Lage ist, dem Torero Paroli zu bieten. Wir werden nicht verstehen, was der Spanier an kleinen und eigenbrötlerischen Männern liebt, die in bunten Anzügen sich vor einer der schönsten Schöpfungen der Natur winden und drehen und in unseren Augen unweigerlich lächerlich wirken.

Wir Nordeuropäer haben einen anderen Blickwinkel und der fällt schmerzlich auf das prachtvolle Tier. Wir sehen keine Kunst, wir sehen Blut und Schmerzen. Und jeder Einstich geht dem, der fern der spanischen Kultur aufgewachsen ist, mit unter die Haut. Wir begreifen diese große Bedeutung nicht, dessen Wurzeln sich tief in die Gesellschaft, Kunst,  Handel und Industrie eingegraben haben, mit ihnen verwachsen sind.

Doppelbödig die Moral vieler, die sich hier empören und anschließend sich ein gutes Stück Foie gras – Stopfleber – gönnen, die jammern, dass EHEC ihnen über Wochen den Verzehr von Gemüse lahmlegte, Dioxin-Eier beklagen ohne nachzudenken, dass der Fluch über die Massentierhaltung und schlechte Futterqualität herrührt. Die vielen die auf öffentlichen Medienplattformen ihre Entrüstung hinausbrüllen und doch wegschauen, wenn des Nachbarn Hund getreten wird. Daran krankt der Tierschutz.

Die spanische Politik ächzt unter der Last wirtschaftlicher und sozialer Last. Man wird sich genau überlegen, ob es förderlich ist mit dem Morden der Stiere weiter Stimmen zu gewinnen. Die Mehrheit der taurinos ist in die Rentenjahre gekommen. So mag man hoffen, dass das restliche Spanien Katalonien folgt, irgendwann, wenn die Tierschützer und Desinteressierten zahlenmäßig so überlegen sind, dass die Corrida ein Opfer der Moderne wird. Selbst wenn bis dahin die EU treudumm Millionen von Steuergelder in eine antiquierte Tierquälerei steckt, was der EU-Bürger treudumm hinnimmt.

España es diferente…in obiger Sicherheit soll man sich nicht wiegen. Die Gameboy- Generation hat ein  neues Spiel entdeckt. Statt virtuellem Schlachten üben sie sich im grausamen Realvergnügen. Man weiß nicht, was entsetzlicher zu beobachten ist: Das Kälbchen, welches blutüberströmt, hilflos und verzweifelt strauchelt, der Jugendliche, der triumphierend dem Tier das Ohr abschlägt oder die johlende Kindermeute in den gut gefüllten Rängen.

Susanne Haselhorst

 

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